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gesonnen

du bist also die sonne und ich, ich bin nur abschaum, lügender und geizig
greifender, geifernder abschaum. und ich bin dir so nah, dass ich eigentlich
in flammen aufgehen müsste, aber es ist zu heiß für mich, um zu brennen.
und wenn ich jetzt meine hand ausstrecke und suche, dich zu berühren,
werde ich jämmerlich verglühen. deine oberfläche wäre leicht mit meinen
fingern zu durchdringen und doch unendlich schmerzvoll. die sonne ist nur
eine von vielen. die sonne ist auch nur ein stern. aber du ziehst mich so
stark an. und wenn ich versuche, dich zu berühren, wirst du denken, ich
schmelze, und mich in deine arme nehmen und sagen, dass alles gut wird.
und ich weiß nicht, ob jetzt alles gut wird, aber ich weiß jetzt, ich bin tot.
           
             

blindflug

dunkles loch, eine höhle ohne boden. dunkelheit, finsternis, stille, nur das
rauschen meines falles. dunkel, dunkle zeiten, dunkle kreaturen strecken
ihre klauen nach mir aus. ich ahne nichts, fürchte mich nicht, sie laden mich
zu sich ein. sie packen mich, halten mich, führen mich hier raus. sie fallen im
dunklen über mich her und retten mich. ich habe keine angst vor ihnen, ich
liebe sie. sie lieben mich. und wenn sie mich gehen lassen, fallen lassen, kann
ich mich gehen lassen, im rausch dahingehen, im rausch fallen, in den rausch
fallen, dem rausch verfallen, im rausch vergehen, still vergeht der rauch des
rausches. ich falle in ein dunkles loch. ich weiß nicht, wie es vorher war,
ob ich schon immer gefallen bin. es fühlt sich ein bisschen an wie fliegen.
        
      

freundin der weisheit

sterben ist das einfachste von allen dingen. sie hat zu mir gesagt, sterben
sei das einfachste. sie hat nicht lange darüber nachgedacht, denn für sie
war es klar. für sie ist immer alles so klar. sie hat das universum in ihren
augen. das unvorstellbare ist für sie das offensichtliche. ich sehe nicht
über ihren tellerrand hinaus. sterben ist das einfachste, sagt sie zu mir.
und ich bin erschüttert und niedergeschlagen, weil diese worte weh tun.
ich hab' es so oft versucht, das einfachste, aber ich bin immer noch am
leben. ich bin unfähig, das einfachste zu bewältigen. ich bin am leben,
sage ich zu ihr. und sie sagt, leben ist das schwerste. weil nur lebendig
ist, wer richtig lebt. und ich schleppe mich nur von tag zu tag - falsch.
           
                            

zweite chance

hellblaue wände. schrank, bett, regalsystem. eine stehlampe mit winnie-
the-pooh-aufdruck. im schneidersitz suche ich also bauklötze zusammen
und packe sie in eine schachtel. immer, wenn ich nervös bin, muss ich
etwas mit meinen händen anstellen. ich hätte nie gedacht, dass wir ein
solches gespräch einmal auf einem spielteppich in einem kinderzimmer
führen würden. und ich hätte nie gedacht, dass ich mich beim anblick
deiner grimassen und deiner anstalten, meinen sohn zu unterhalten, ein
weiteres mal in dich verlieben würde. er ist immerhin auch dein sohn.
bleib. bleib hier und geh nicht. bitte, geh nicht weg. ich kann es nicht
aussprechen, doch ich brauche dich. bitte geh' nicht noch einmal weg.
            
                                 

augen zu, ohren auf

komm mal runter, sieh nicht alles so eng. schau mal hinter die fassade, reib'
dir die verblendung aus den augen. auf, durchschau mich, es ist nicht, wie
du denkst. es ist, dass du zu viel und nicht genug denkst. denkst du, ich
denk' mir das aus? du denkst ausnahmsweise falsch, wie immer. nimm die
waffe runter und sei nicht beleidigt, ich kann dir helfen, will uns retten. ich
will dich nicht verärgern, ich wollte nur zeigen, dass deine aktionen völlig
überzogen sind, deine reaktionen unberechtigt und so nicht richtig. steig'
von deinem thron herunter, lass uns reden, wenn ich dir auch nicht in die
augen sehen kann. mach' die ohren auf und hör' mir zu, wie sonst nie.
ich weiß, ich mache oft viel falsch, aber lass mich doch dein spiegel sein.
                  
                                           

hilfe

ich bin zwei. ein gutes, helles, frohes, friedliches. ein bescheidenes und ein
gebendes, ein lächelndes. ein zurückhaltendes, manchmal mutloses, ein
ängstliches auch. aber ein begabtes, könnendes, ein wollendes. ein offenes,
ein hoffendes, ein verhofftes. ein liebendes, ein zu liebendes, ein geliebtes.
ein tröstendes, helfendes, ein gebrauchtes. und ein rasendes, ein tobendes,
ein verzweifeltes. ein undankbares, ein gieriges, ein blindes. ein rennendes,
flüchtendes, schreiendes. schlagendes, tobendes, taubes. eigenes, einsames,
weinendes. aufgegebenes, aufzugebenes, aufgebendes. ein nichts findendes,
nicht mehr suchendes, verlorenes. bin beides. vereint in einem. und sich
hassend, streitend und raufend, sich umzubringen versuchend. ich bin zwei.
                   
                              

drei worte

ich mag dich. schon so lange. wär gern immer. wo du bist. merkst es nicht.
weißt es doch. weißt du es? ich bin anders. wenn du bist. weil du bist. hass'
mich dafür. und würde doch. alles darum geben. ich will dich. spüren, mehr
noch. will dich fühlen. hass' meine worte. alle an dich. und die deinigen. an
mich mehr. kanns nicht ertragen. du bist grandios. hab's nicht verdient. und
bin doch. ständig so eifersüchtig. auf jeden, zu. dem du sprichst. was du
berührst. was mich erinnert. erinnert an dich. ich nehme es. auf in mich. tut
nicht weh. reißt mich entzwei. bringt mich um. zerstört mich, du. zerstörst
mich, luder. bitte, zerstör' mich. nun endlich gänzlich. sonst falle ich. in die
grube. die ich grub. deine - meine grube. ich hasse dich. ich liebe dich.
            
                                                 

gefangen

du kannst niemals aufhören, du zu sein. wenn du es dir wünschst. wenn du
es vorgibst. du kannst nicht jemand anders sein. du kannst dich verstellen,
du kannst dich verkleiden, aber du wirst du immer du sein. du lügst, wenn
du behauptest, einmal nicht du selbst gewesen zu sein. du veränderst dich.
innerlich, äußerlich. du veränderst dich. doch du bleibst du. und du wirst es
immer bleiben. wenn du dich überreden, umstimmen und beeinflussen lässt,
bist und tust das du und wenn du dich als jemand anderes ausgibst, kannst
du dich selbst doch nicht täuschen. du kannst rennen und schreien, aber du
kannst es nicht ändern. niemals. wenn du berauscht bist, bewusstlos. oder
tot. du warst du und du bist du und du wirst auch immer du bleiben. immer.
                 
                                 

schicksal

freude und wut zersprengen fast seine brust, als er in dieser kalten nacht
allein durch die straßen schleicht. vielleicht hätte er es nicht tun sollen.
dabei hat es ihn so glücklich gemacht. ein auto fährt vorbei und wasser
spritzt aus einer pfütze am bordstein über seine füße. er sieht, wie sich
sein lebloser atem zu einer weißen wolke aufbaut, sich langsam wieder
in luft auflöst. gerne würde er singen. schreien. aber er steckt sich nur
eine zigarette an, bleibt stehen und kehrt dem wind den rücken zu. die
flamme im feuerzeug erlischt. er schiebt die zigarette zurück in seine
hosentasche. dann kann er sich ein kleines lächeln nicht verkneifen und
zum allerersten mal in seinem leben fühlt sich plötzlich alles richtig an.
             
                                                           

mauerblümchen

er stellt sich hinter die bank, hält mir mit den händen die augen zu, meine
erbärmlich schwache abwehr, er lacht, setzt sich neben mich, turnschuh
auf dem alten holz. ich lege mein buch zur seite und er fängt an zu reden,
stützt einen arm auf sein knie, mit dem anderen gestikuliert er lässig. ich
zähle die farben in seinen augen. er sieht mich erwartungsvoll an, verliert
das lächeln eine sekunde. sein väterlicher blick, als er versteht, dass ich
nicht zugehört hatte. er beugt sich über mich, nimmt das buch, schlägt
eine seite auf, zitiert eine stelle, fuchtelt wild mit den armen herum. mein
kopfschütteln, lächeln, die hand auf meiner schulter. schenkt mir noch
ein lockeres 'wir sehen uns!' ich ertrinke in seinem lachen, er geht davon.
           
                           

homeless

ich sitze am tresen in der schmutzigen kneipe. der kerl neben mir raucht
ununterbrochen. geruch von männerschweiß und bierfahnen. ich bestelle
ein glas wasser. nur, damit man mich nicht rauswirft. es ist kalt draußen.
ich atme tief ein, qualm, erniedrigung. vergiftet von verzweiflung nippe
ich an meinem glas, weil mich ein paar leute anstarren. ich schaue immer
wieder zu der uhr an der wand, damit es so aussieht, als warte ich auf
jemanden. ich habe kein geld dabei, um mein wasser zu bezahlen. ich
gehe zum stammtisch und werde belächelt, dann spielen wir karten. ich weiß
nicht, wie das spiel heißt, geschweige denn, wie es geht. es ist schon spät und
der wirt will schließen, er bittet uns zu gehen. aber wo soll ich denn bitte hin?
                
                                    

schweigepflicht

ich stand seit stunden am fenster und sah hinaus in den strömenden regen.
der erwartete anruf kam fünf nach elf. es ist ein mädchen. dieses kind, auf
das wir uns seit monaten vorbereiteten und freuten. das kind von der frau,
die ich über alles liebte. der frau, für die ich ohne eine sekunde zu zögern
mein leben geben würde. ich lockerte meine krawatte mit einer hand und
nahm einen schluck von dem kalten kaffee. aus der tasse, die sie mir zum
ersten hochzeitstag geschenkt hatte. meine frau. und jetzt war es da. das
kind von der frau, die ich um nichts in der welt hergeben würde. das kind,
von dem ich sicher wusste, dass es nicht mein eigenes war. das kind, das
die wahrheit niemals erfahren würde. trockene tränen. um der liebe willen.