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"nur geträumt?" – titel folgt

wenn ich anfange zu träumen, bin ich meistens schon mittendrin. und wenn
ich mich umwende, dreht sich mein kopf im kreis. ich kann nur nach vorn
sehen, aber nicht fokussieren, in meinem doppelzimmer mit balkon und
tunnelblick und minibar voll absurditäten. doppelzimmer, einfach der frei-
heit wegen, sich im doppelbett herumzurollen und auszustrecken, sich breit
zu machen und breit zu sein und sich in den falten des bettlakens ganz frei
zu entfalten, wenn man so richtig zerknittert ist. und doppelzimmer schließ-
lich auch, um einmal genug handtücher zu haben, für die pfützen, die blei-
ben, wo ich war, wenn ich noch bin, aber schon werde, unter meiner eige-
nen wolke. die decke ist weiß und flimmert und manchmal dringt der wald-
meistergrüne himmel hindurch. ich liege also in meinem doppelbett und
fange an, alles doppelt zu sehen. und dann stehst du da und plötzlich sitzen
wir da, ganz woanders, und du bist wieder weg uns stößt erneut hinzu und
hast eine liste dabei und wirfst sie mir vor und dich hinterher und dann
liegst du da und reckst den kopf noch in die höhe; ausgesprochen würde-
voll. es ist eine lange liste; deine liste, meine liste. du trägst lila, naja, eigent-
lich violett, aber lila hört sich viel schöner an, und ich hab' lila, also violett,
nie gemocht, aber du trägst es, jetzt und auch sonst, und es sieht hübsch
aus, lila, eigentlich violett, obwohl lila und eigentlich. und du setzt an und
immer, bevor du redest, dieses kleine stöhnen, dieses edle ächzen, ganz
sanft, und du fährst dir bestimmt mit einer hand durchs haar oder nur mit
den fingerkuppen oder mehr oder auch nur durch die einzelne strähne an
deiner rechten schläfe und du siehst auf das papier und deine schrift ist
ganz aufgewühlt und ich seh' auf das lila, das dich umgibt, und starre und
verliere mich und die maschen und die fasern fließen in rot zusammen,
in einem quadrat, um es genauer zu sagen, und ein quadrat, nicht nur ein
rechteck, denn es sind immer quadrate, und rote, wirklich rot, zinnoberrot
oder blutrot, feuerrot oder feuermelderrot, aber nicht feuerlöscherrot.
sirenen heulen auf und das quadrat verläuft und zerläuft und läuft immer
wieder in sich zusammen und wird zu einer minibar, nein, der minibar, aber
nur einer, doch ich seh' sie doppelt und die eine verschlingt jetzt die andere
und die verschlingt dich und das quadrat, die minibar, jetzt ein tresor, ein
kleiner, roter safe, fällt zu und die drehscheibe am zahlenschloss dreht
schnell, dreht sich und dreht durch und ist weg – und jetzt eine volle cola-
kiste, coca-cola-rot und voll und ich allein und ich brauch' eine pause
und jetzt schluss.
               
       

viel

du bist meine königin und mein königreich.
du hast dir einfach ausgedacht, hier zu thronen
und ich hab' dir die krone aufgesetzt und das zepter gereicht.
und weil ich dir gern dienen will, darf ich in dir wohnen.

ich hab' dir rosen mitgebracht,
fühlte mich groß und mein herz hat laut gepocht.
du hast die tür aufgemacht,
aber du hast madonnenlilien lieber gemocht.

du bist die endstation, du bist der todesstoß
von der klippe der hingabe in den abgrund der einsamkeit.
du stößt mich hinab, du wirfst mich aus deinem schoß
und rufst noch, dass du mich liebst und es war 'ne schöne zeit.

ich hab' mich dir in die hände gelegt
und du hast mich verloren,
hast deinen ast, an dem ich blühte, abgesägt.
vielleicht werd' ich als spatz wiedergeboren.

ich hab' mich dir vor die füße geworfen, demütig bis aufs blut
und du bist über mich gestolpert.
welches gefühl wäre angemessen – trauer, reue, wut?
die wagons sind über die bahngleise geholpert.
             
                             

entmutig(er)t

er streifte durch die straßen,
ohne gefährte, ohne ziel,
sah, wie sie ihn vergaßen,
die menschen, und weinte viel.

er streifte durch die gassen.
sie wollten ihn verdrängen.
wie konnten sie ihn hassen?
er ließ seinen kopf hängen.

er fühlte sich als teil von ihnen,
doch kämpfte wohl vergebens.
traurig überquerte er die schienen
am hauptbahnhof des lebens.

fast rannte ihn ein knabe um,
in eile. was ist nur passiert?
er wendet nur und bleibt ganz stumm,
bevor er noch mehr schmerz kassiert.

früher war auf ihn verlass,
jetzt wird er nicht mehr gebraucht.
die ärmel tropfen ihm schon nass,
der tiger hinkt und keucht und schnauft.

regen trommelt auf seinen rücken.
hier findet keine unterkunft,
unter eingestürzten brücken,
der tiger - der sinn für vernunft.
               
            
                       

haiku

sich verstecken
gefunden werden
verloren
              
                     

haiku

es geht gut
in der gemeinschaft
rebell
            
                                         

zu lisa dickreiters "vom atmen unter wasser"

als ich das zimmer betrat, war es bereits zwei uhr am mittag. sie vergrub ihr
gesicht in einem berg aus kissen, als ich etwas licht durch die rolladen ließ.
ich setzte mich neben sie aufs bett und streichelte sanft ihre schulter. stumm
hatte sie mir den rücken zugekehrt. ihre haare hingen wild über den alten
hellblauen snoopy-samtpyjama, der etwas unter der decke hervorschien.
in einer fließenden bewegung setzte sie sich unerwartet auf, sah mich mit
ihren verquollenen augen an und erwiderte meinen erst mitleidigen, dann
vorwurfsvollen blick mit einem mechanischen nicken. ich verließ den raum
in dem schwarzen anzug, den ich mir für sarahs beerdigung geliehen hatte.
vor dem spiegel an der schranktür entwirrte ich meine einzige krawatte
und versuchte krampfhaft, mich daran zu erinnern, wie der knoten doch
gleich zu binden war. es wollte mir nicht gelingen und ich suchte erika um
rat. ich schob die badezimmertür auf, die einen spalt offen gestanden
hatte, und fand sie mit beiden händen am waschbecken aufgestützt, die
stirn an den spiegel gelehnt. wir waren spät dran, simon wartete schon
im flur. erika packte hastig und unwillkürlich diverses kleinod in ihre
kleine gelbe handtasche, bis sie fast voll war, aber als ich gerade die tür
hinter uns schließen wollte, stieß sie mich grob beiseite und stellte die
tasche auf die garderobe. sie rückte ihren zerknitterten blazer zurecht,
der ihr erschreckend gut stand. vielleicht nur, da auch sie selbst etwas
zerknittert aussah. entschlossen nahm sie die extragroße packung mit
den papiertaschentüchern aus der tasche und warf sie lieblos auf das
parkett, bevor sie mir kurz zunickte und ich glaubte, ein lächeln auf
ihren lippen gesehen zu haben, ehe sie einmal tief ein- und ausatmete
und schließlich erhobenen kopfes voranging.
               
                             

mauerblümchen

er stellt sich hinter die bank, hält mir mit den händen die augen zu, meine
erbärmlich schwache abwehr, er lacht, setzt sich neben mich, turnschuh
auf dem alten holz. ich lege mein buch zur seite und er fängt an zu reden,
stützt einen arm auf sein knie, mit dem anderen gestikuliert er lässig. ich
zähle die farben in seinen augen. er sieht mich erwartungsvoll an, verliert
das lächeln eine sekunde. sein väterlicher blick, als er versteht, dass ich
nicht zugehört hatte. er beugt sich über mich, nimmt das buch, schlägt
eine seite auf, zitiert eine stelle, fuchtelt wild mit den armen herum. mein
kopfschütteln, lächeln, die hand auf meiner schulter. schenkt mir noch
ein lockeres 'wir sehen uns!' ich ertrinke in seinem lachen, er geht davon.
           
                           

schweigepflicht

ich stand seit stunden am fenster und sah hinaus in den strömenden regen.
der erwartete anruf kam fünf nach elf. es ist ein mädchen. dieses kind, auf
das wir uns seit monaten vorbereiteten und freuten. das kind von der frau,
die ich über alles liebte. der frau, für die ich ohne eine sekunde zu zögern
mein leben geben würde. ich lockerte meine krawatte mit einer hand und
nahm einen schluck von dem kalten kaffee. aus der tasse, die sie mir zum
ersten hochzeitstag geschenkt hatte. meine frau. und jetzt war es da. das
kind von der frau, die ich um nichts in der welt hergeben würde. das kind,
von dem ich sicher wusste, dass es nicht mein eigenes war. das kind, das
die wahrheit niemals erfahren würde. trockene tränen. um der liebe willen.