fakt

solange wir den keim nicht abtöten, werden sich immer wieder symptome
herausbilden, wenn wir sie auch noch so unermüdlich bekämpfen.
           
                   

strafe

ich will in sack und asche gehen.
dieser spießrutenlauf
soll wenigstens mein spießrutenlauf sein.
kopf hoch, blick nach vorn.
es ist der todesmarsch
in depersonalisation.
aber ist das nicht auch eine lüge,
wenn es mich gar nicht gibt?
         
                               

affen und affirmation

lass mich nicht allein
mit meinen gedanken,
algo-unrithmischen gedanken,
ich verliere mich
in der angst,
dich zu verlieren.
wieso
glaubst du an ein ende?
             
                 

wolfenbüttel: aufstieg

pionier
wulferus,
komm 
endlich 
an.
fall auf deine knie.

hirte 
wiedekind,
siedle uns in deine festung aus.
erlöse uns von dem alten
und vergib uns unsere hilflosigkeit
in wolfenbüttel.

schlag die wölfe
in die flucht, 
wir folgen dir.
wir schlagen unsere zelte auf.
lass uns
deine schafe sein!

elendige gefilde;
wer rettet uns 
vor dem kalten
winter?
wir sind reisende
kaufleute –

unsicher in unsicheren zeiten.
biete uns schutz.  
wir bieten schmutziges silber.
wasserburg wolfenbüttel,
ummauer' uns 
mit zukunft.

wolfenbüttel,
festung, 
feste
residenz der herzöge
und asyl der hergezogenen,
nimm uns auf!
            
                  

paul celan - corona (1948)

aus der hand frißt der herbst mir sein blatt: wir sind freunde. 
wir schälen die zeit aus den nüssen und lehren sie gehn: 
die zeit kehrt zurück in die schale. 

im spiegel ist sonntag, 
im traum wird geschlafen, 
der mund redet wahr. 

mein aug steigt hinab zum geschlecht der geliebten: 
wir sehen uns an, 
wir sagen uns dunkles, 
wir lieben einander wie mohn und gedächtnis, 
wir schlafen wie wein in den muscheln, 
wie das meer im blutstrahl des mondes. 

wir stehen umschlungen im fenster, sie sehen uns zu von der straße: 
es ist zeit, daß man weiß! 
es ist zeit, daß der stein sich zu blühen bequemt, 
daß der unrast ein herz schlägt. 
es ist zeit, daß es zeit wird. 

es ist zeit. 
            
            

funke

ich steh' so neben mir. ich fahr' neben der spur, ich verfehl' das ziel.
ich hab' das herz am falschen fleck und meinen kopf ganz woanders.
ich weiß nicht, wohin mit mir, ich weiß gar nicht, wo ich stehe. ich
hab' den überblick verloren und seh' alles verschwommen. aber
wenn du neben mir stehst, dann kann ich sein – hilfos, aber lebendig.
           
           

das königtum

das leben ist, wie man es nimmt –
wenn man es annimmt,
wenn man es in die hand nimmt.
und manchmal ist das leben,
wie man es sich nimmt.
ich nehme an,
du nimmst das nicht einfach hin,
aber ich nehm' es mir heraus.

ich will könig sein,
könig der welt –
könig, nicht königin.
und ich heb' ab,
ich will jetzt könig sein.
würdenträger,
höchst
souverän.

die
majestät,
die macht,
die krone,
die nation,
die edelkeit
und schließlich die würde,
aber die schachfigur,
die abhängigkeit.

und der titel,
der thron,
der name,
der druck,
der schachzug,
der frieden,
der schreiber,
der sieg.
             
der mensch, wenn auch
der affe.

und über allem steht
das leben,
das schicksal,
das glück.

und ich will könig sein.
         
     

stendhal – über die liebe

 
                                        wer wird so vermessen sein, sich in eine königin
                                        zu verlieben, ohne dass sie ihn zuvor ermutigt?  
               
                         

blutmondphönix

blutmond
trieft
rot,
phönix
gold,
zeig her deinen schatz.
sing für mich,
sieh mich noch einmal an
und dann
asche –
aber aus asche wird leben.
       
     

"nur geträumt?" – titel folgt

wenn ich anfange zu träumen, bin ich meistens schon mittendrin. und wenn
ich mich umwende, dreht sich mein kopf im kreis. ich kann nur nach vorn
sehen, aber nicht fokussieren, in meinem doppelzimmer mit balkon und
tunnelblick und minibar voll absurditäten. doppelzimmer, einfach der frei-
heit wegen, sich im doppelbett herumzurollen und auszustrecken, sich breit
zu machen und breit zu sein und sich in den falten des bettlakens ganz frei
zu entfalten, wenn man so richtig zerknittert ist. und doppelzimmer schließ-
lich auch, um einmal genug handtücher zu haben, für die pfützen, die blei-
ben, wo ich war, wenn ich noch bin, aber schon werde, unter meiner eige-
nen wolke. die decke ist weiß und flimmert und manchmal dringt der wald-
meistergrüne himmel hindurch. ich liege also in meinem doppelbett und
fange an, alles doppelt zu sehen. und dann stehst du da und plötzlich sitzen
wir da, ganz woanders, und du bist wieder weg uns stößt erneut hinzu und
hast eine liste dabei und wirfst sie mir vor und dich hinterher und dann
liegst du da und reckst den kopf noch in die höhe; ausgesprochen würde-
voll. es ist eine lange liste; deine liste, meine liste. du trägst lila, naja, eigent-
lich violett, aber lila hört sich viel schöner an, und ich hab' lila, also violett,
nie gemocht, aber du trägst es, jetzt und auch sonst, und es sieht hübsch
aus, lila, eigentlich violett, obwohl lila und eigentlich. und du setzt an und
immer, bevor du redest, dieses kleine stöhnen, dieses edle ächzen, ganz
sanft, und du fährst dir bestimmt mit einer hand durchs haar oder nur mit
den fingerkuppen oder mehr oder auch nur durch die einzelne strähne an
deiner rechten schläfe und du siehst auf das papier und deine schrift ist
ganz aufgewühlt und ich seh' auf das lila, das dich umgibt, und starre und
verliere mich und die maschen und die fasern fließen in rot zusammen,
in einem quadrat, um es genauer zu sagen, und ein quadrat, nicht nur ein
rechteck, denn es sind immer quadrate, und rote, wirklich rot, zinnoberrot
oder blutrot, feuerrot oder feuermelderrot, aber nicht feuerlöscherrot.
sirenen heulen auf und das quadrat verläuft und zerläuft und läuft immer
wieder in sich zusammen und wird zu einer minibar, nein, der minibar, aber
nur einer, doch ich seh' sie doppelt und die eine verschlingt jetzt die andere
und die verschlingt dich und das quadrat, die minibar, jetzt ein tresor, ein
kleiner, roter safe, fällt zu und die drehscheibe am zahlenschloss dreht
schnell, dreht sich und dreht durch und ist weg – und jetzt eine volle cola-
kiste, coca-cola-rot und voll und ich allein und ich brauch' eine pause
und jetzt schluss.
               
       

umberto eco – der name der rose

                       
                                                        ...spärlich sind also, bei licht besehen, die
                                                        gründe, die mich zu bewegen vermochten.
               
                      

traumanzug

aber in meinem raumanzug,
den ich in meinem traum dann trug,
war leider nur genug platz für einen,
also außer mir selbst weiter keinen.

und ich schwebte über dein haus hinweg
und baute mir irgendwo ein haus im dreck.
ich hab' von den gedanken an dich allein gelebt
und mir aus sehnsuchtsseufzen eine decke gewebt.
       
                         

licht schwert

du musst noch sehr viel lernen,
junger padawan,
also mach mal halblang
in deinem padawahn.
         
                 

straßenköter

hast du das auch gehört?
suizid soll die lebenszeit verkürzen.
ich geh' mit meinen freunden raus.
wir sind drauf, um abzustürzen!

geschlagen, missbraucht,
gehasst und dann gespielt,
alles mögliche geraucht
und genommen und gedealt.

alles mögliche, alles unmögliche geklaut,
das ganze leben lang schon das leben versaut,
in all den jahren so viel, so viel wut aufgestaut,
und eintausend schlösser aus tränen auf sand aufgebaut.

             

dein auge des sturms

sinnliche freuden
in den trümmern
unseres strebens nach glück
und der lächeln auf der straße
setzen die asche wieder in brand.
               
                   

aua

                     
                                                                                    contumelia verborum
           
           

und das fliegen?

                                         
                                                                  das sei den vögeln anheim gestellt.
           
             

marcus aurelius



                      in welchem licht erscheint dir nun ein mensch, der um den lauten
                    beifall derer buhlt, die nicht wissen, wo, noch wer sie selber sind?
                 
                             

marcus aurelius

alles schöne, von welcher art es auch sein mag, ist an und für sich schön, es
ist in sich selbst vollendet, und das lob bildet keinen bestandteil seines
wesens. das lob macht einen gegenstand weder schlechter noch besser. das
gesagte gilt von allem, was man im gemeinen leben schön nennt, wie zum
beispiel von den erzeugnissen der natur und der kunst. was wahrhaft schön
ist, bedarf keines lobes, ebensowenig wie das gesetz, ebensowenig wie die
wahrheit, ebensowenig wie das wohlwollen, wie die sittsamkeit. wie könnte
das durch lob erst gut oder durch tadel schlecht werden? verliert der
smaragd an seinem werte, wenn er nicht gelobt wird? und ebenso das gold,
das elfenbein, der purpur, eine leier, ein degen, eine blume, ein strauch?
         
                 

komm aus dem kleiderschrank heraus

                         
                                                                                was bin ich da eigentlich?
           
         

samstagabend

und man versucht, sich selbst zu finden, weil man das angeblich muss, und
stolpert nur über hässliche worte und hätte lieber gar nicht erst angefangen.
                     
                                 

da steh' ich nun

                     
                                            ...und was mach' ich mit all meinen geheimnissen?
               
             

hypothese

in meinem wahnhaften 
bewusstwerden 
der bedeutung 
dieser veränderungserlebnisse, 
unnötig belastend
und dennoch belastend, 
hab' ich vielleicht erkannt, 
sicher nicht akzeptiert – 
und dann der 

absturz. 
sinnlos, 
verhängnisvoll sinnlos 
vergeudete 
zeit.
           
                             

grey's anatomy

ich gehöre zu den menschen, die sich so mies fühlen,
dass sie nicht bei normalen menschen sein dürfen,
sonst würde ich sie mit meinem unglück infizieren.
               
                     

kreuzerkrieg

ich bin atemlos,
denn du zerdrückst mir die brust
mit deinem heimlichen manöver,
alle meine schiffe mit einem zug zu versenken, statt
mich vorm ertrinken im offenen meer
mit offenen wunden zu retten;
du hast die see geschlachtet –
strategisch irrelevant,
aber eindrucksvoll.
           
                 

the truth is not out there

                   
                                                        ...und manchmal kommt es nur darauf an,
                                                              rechtzeitig aufzuhören nachzudenken.
           
 

reizend und besonders

                               
                                                                                   heute ist alles scheiße.
           
     

treten auf eigene gefahr

ich trete ein
mit erhobenem kopf
und offenen augen
in das meer aus worten,
das seine tore für mich öffnet.

ich trete ein
in das universum der buchstaben
und druckerschwärze
nimmt mich auf in seine nacht,
die nirgends endet.

ich trete ein
in den bund
der ewig schlaflosen
und wandle
noch in aggressiver erregung.

ich trete aus
meinen schuhen heraus,
meinem leib aus,
meinem sein aus,
dem müssen.

ich trete sie,
die außenwelt,
die unwahren lügen,
nichtssagenden gesichtsausdrücke
und überhaupt hässlichen gesichter

und trete ein
in die endlichkeit
der vergänglichkeit,
die unendlichkeit
der unendlichkeit.
                 
                     

dornenkrone

mein
sterben
meine pläne
meine versuche
meine geschichten
meine lügen meine narben
meine träume meine dornenkrone

die unausgesprochenen worte
die ausgesprochenen worte
die ausgespuckten worte
die ungehörten worte
meine dornenkrone

das leid der welt     dein schweres herz
               so wenig zeit                meine dornenkrone
                                           
                           
           

unwürdig

wenn man sich bescheiden fühlt und entsprechend bescheiden aussieht und
dann auch noch ein bescheidenes gefühl im bauch hat, sollte man besser
nicht aus dem haus gehen. denn wenn dann wunder geschehen, können
sie nichts mit uns anfangen und wir haben nichts davon. ich werde zufallist.