die kunst des küssens

beobachtet werden und selbst beobachten,
sich schämen, echauffieren, eigentlich laben.
schlichte unsicherheit und arglose neu-gier
zwischen erregenden und hemmenden synapsen.
und alles ist doch nur präsentsein
mit weit ungeöffneten augen.
du wärmst meine hände.
wenn du nur einmal so kalt sein könntest wie ich.
           
             

hellwach

zuversicht wird alles fügen
und mut macht träume wahr.
narben können niemals lügen.
augen sind im dunkeln klar.
wir sind noch wach und es wird wieder hell.
ist der fluch gebrochen?
                 
                             

fernando pessoa

               
                                      literature is the most agreeable way of ignoring life.
           
             

j

                          
                                                 ich weiß es nicht. ich weiß so vieles nicht. 
            
          

j

alles, was ich tu', muss extrem sein, um
das gefühl der leere übergehen zu können.
           
                 

intention

                               
                                       gutes für jemanden oder gutes von jemandem wollen?
           
           

der perlkönig

der himmel bleibt die ganze nacht auf
und hängt in mattem schlaflosschwarz 
ein bisschen durch.
die sterne glitzern
in staubkörnern auf dem boden, über den wir schleichen,
ausgerissen
und losgezogen,
um die angst zu suchen.

ich bin mit den gedanken an einem anderen ort
und sehe doch selbst im nächtlich wachen tagtraum nicht,
was ich mir eigentlich erhoffe;
mehr nachttraum, aber nachtwachtraum.
kurz war es, als hätte eine wolke meine schulter gestreift.

woran ich denke, fragen sie mich.

will man dich beschreiben,
sind alle wörter hässlich
und sucht man dich zu vergleichen,
hat nichts mehr einen wert.


wir brauchen zeit und gelegenheit, um wir selbst zu sein.
manchmal reicht es, wenn nur jemand das licht anmacht.

es war so lange nicht mehr hell…
               
                            

fakt

                         
                                                                             ich bin der regenmacher.
     
         

fakt

                       
                                 was man an sonntagen tun sollte, ist in zügen zu sitzen.
                 
                     

segel setzen auf seligkeit

selig sind, die geistig arm sind. 
und doch ist armseligkeit keine form von glück.
ich hab‘ es überschätzt
oder unterschätzt
oder einfach nur erwartungslos
erwartet
und angenommen
oder zumindest hingenommen.
es ist so kalt,
dass ich nicht zittern kann.
hüll mich ein
in deine winddichten worte,
die auch nur wind sind.
ich bin ewig wach 
in träumender trance
und du die inspiration 
zur gedankenlosigkeit.

ich seh' in dein ausradiertes gesicht:
statt problembewältigung
nur problembeseitigung.
ich versuch‘, es zu berühren
stört die Haarsträhne nicht deine wange?
ich versuch‘, sie zu greifen, aber der wind kommt mir zuvor
und ich verliere, so kommt mir vor.
wenn dich hier nichts hält,
brauchst du keinen anderen grund, um zu gehen.
wir sind die manifestation der besitzlosigkeit
in der nichtexistenz des manifests
und für die wahrheit muss gar nicht erst gekämpft werden.
               
                                  

the little words

               
                            are you tired of yourself or just tired of being yourself?
             
           

fakt

                                           
ich bin ein schlechter mensch.
         
         

otto ludwig – das fräulein von scuderi

es liest kein leser mehr heraus, als er hineinliest.
dem andern ist dasselbe buch ein anders.
         
                       

fakt

morgen wird wieder ein tag sein, also warum diesen so sehr aufwerten?
         
                     

rebellion

konventionen.
die vorstellungen –
die erfahrungen –
tragen erwartungen.
und ich
bin der wellenbrecher,
habt es endlich wahr.


freudefakt

                 
welche freude, menschen mit menschen zu sehen, die sie glücklich machen!
         
     

fakt

solange wir den keim nicht abtöten, werden sich immer wieder symptome
herausbilden, wenn wir sie auch noch so unermüdlich bekämpfen.
           
                   

strafe

ich will in sack und asche gehen.
dieser spießrutenlauf
soll wenigstens mein spießrutenlauf sein.
kopf hoch, blick nach vorn.
es ist der todesmarsch
in depersonalisation.
aber ist das nicht auch eine lüge,
wenn es mich gar nicht gibt?
         
                               

affen und affirmation

lass mich nicht allein
mit meinen gedanken,
algo-unrithmischen gedanken,
ich verliere mich
in der angst,
dich zu verlieren.
wieso
glaubst du an ein ende?
             
                 

wolfenbüttel: aufstieg

pionier
wulferus,
komm 
endlich 
an.
fall auf deine knie.

hirte 
wiedekind,
siedle uns in deine festung aus.
erlöse uns von dem alten
und vergib uns unsere hilflosigkeit
in wolfenbüttel.

schlag die wölfe
in die flucht, 
wir folgen dir.
wir schlagen unsere zelte auf.
lass uns
deine schafe sein!

elendige gefilde;
wer rettet uns 
vor dem kalten
winter?
wir sind reisende
kaufleute –

unsicher in unsicheren zeiten.
biete uns schutz.  
wir bieten schmutziges silber.
wasserburg wolfenbüttel,
ummauer' uns 
mit zukunft.

wolfenbüttel,
festung, 
feste
residenz der herzöge
und asyl der hergezogenen,
nimm uns auf!
            
                  

paul celan - corona (1948)

aus der hand frißt der herbst mir sein blatt: wir sind freunde. 
wir schälen die zeit aus den nüssen und lehren sie gehn: 
die zeit kehrt zurück in die schale. 

im spiegel ist sonntag, 
im traum wird geschlafen, 
der mund redet wahr. 

mein aug steigt hinab zum geschlecht der geliebten: 
wir sehen uns an, 
wir sagen uns dunkles, 
wir lieben einander wie mohn und gedächtnis, 
wir schlafen wie wein in den muscheln, 
wie das meer im blutstrahl des mondes. 

wir stehen umschlungen im fenster, sie sehen uns zu von der straße: 
es ist zeit, daß man weiß! 
es ist zeit, daß der stein sich zu blühen bequemt, 
daß der unrast ein herz schlägt. 
es ist zeit, daß es zeit wird. 

es ist zeit. 
            
            

funke

ich steh' so neben mir. ich fahr' neben der spur, ich verfehl' das ziel.
ich hab' das herz am falschen fleck und meinen kopf ganz woanders.
ich weiß nicht, wohin mit mir, ich weiß gar nicht, wo ich stehe. ich
hab' den überblick verloren und seh' alles verschwommen. aber
wenn du neben mir stehst, dann kann ich sein – hilfos, aber lebendig.
           
           

das königtum

das leben ist, wie man es nimmt –
wenn man es annimmt,
wenn man es in die hand nimmt.
und manchmal ist das leben,
wie man es sich nimmt.
ich nehme an,
du nimmst das nicht einfach hin,
aber ich nehm' es mir heraus.

ich will könig sein,
könig der welt –
könig, nicht königin.
und ich heb' ab,
ich will jetzt könig sein.
würdenträger,
höchst
souverän.

die
majestät,
die macht,
die krone,
die nation,
die edelkeit
und schließlich die würde,
aber die schachfigur,
die abhängigkeit.

und der titel,
der thron,
der name,
der druck,
der schachzug,
der frieden,
der schreiber,
der sieg.
             
der mensch, wenn auch
der affe.

und über allem steht
das leben,
das schicksal,
das glück.

und ich will könig sein.
         
     

stendhal – über die liebe

 
                                        wer wird so vermessen sein, sich in eine königin
                                        zu verlieben, ohne dass sie ihn zuvor ermutigt?  
               
                         

blutmondphönix

blutmond
trieft
rot,
phönix
gold,
zeig her deinen schatz.
sing für mich,
sieh mich noch einmal an
und dann
asche –
aber aus asche wird leben.
       
     

"nur geträumt?" – titel folgt

wenn ich anfange zu träumen, bin ich meistens schon mittendrin. und wenn
ich mich umwende, dreht sich mein kopf im kreis. ich kann nur nach vorn
sehen, aber nicht fokussieren, in meinem doppelzimmer mit balkon und
tunnelblick und minibar voll absurditäten. doppelzimmer, einfach der frei-
heit wegen, sich im doppelbett herumzurollen und auszustrecken, sich breit
zu machen und breit zu sein und sich in den falten des bettlakens ganz frei
zu entfalten, wenn man so richtig zerknittert ist. und doppelzimmer schließ-
lich auch, um einmal genug handtücher zu haben, für die pfützen, die blei-
ben, wo ich war, wenn ich noch bin, aber schon werde, unter meiner eige-
nen wolke. die decke ist weiß und flimmert und manchmal dringt der wald-
meistergrüne himmel hindurch. ich liege also in meinem doppelbett und
fange an, alles doppelt zu sehen. und dann stehst du da und plötzlich sitzen
wir da, ganz woanders, und du bist wieder weg uns stößt erneut hinzu und
hast eine liste dabei und wirfst sie mir vor und dich hinterher und dann
liegst du da und reckst den kopf noch in die höhe; ausgesprochen würde-
voll. es ist eine lange liste; deine liste, meine liste. du trägst lila, naja, eigent-
lich violett, aber lila hört sich viel schöner an, und ich hab' lila, also violett,
nie gemocht, aber du trägst es, jetzt und auch sonst, und es sieht hübsch
aus, lila, eigentlich violett, obwohl lila und eigentlich. und du setzt an und
immer, bevor du redest, dieses kleine stöhnen, dieses edle ächzen, ganz
sanft, und du fährst dir bestimmt mit einer hand durchs haar oder nur mit
den fingerkuppen oder mehr oder auch nur durch die einzelne strähne an
deiner rechten schläfe und du siehst auf das papier und deine schrift ist
ganz aufgewühlt und ich seh' auf das lila, das dich umgibt, und starre und
verliere mich und die maschen und die fasern fließen in rot zusammen,
in einem quadrat, um es genauer zu sagen, und ein quadrat, nicht nur ein
rechteck, denn es sind immer quadrate, und rote, wirklich rot, zinnoberrot
oder blutrot, feuerrot oder feuermelderrot, aber nicht feuerlöscherrot.
sirenen heulen auf und das quadrat verläuft und zerläuft und läuft immer
wieder in sich zusammen und wird zu einer minibar, nein, der minibar, aber
nur einer, doch ich seh' sie doppelt und die eine verschlingt jetzt die andere
und die verschlingt dich und das quadrat, die minibar, jetzt ein tresor, ein
kleiner, roter safe, fällt zu und die drehscheibe am zahlenschloss dreht
schnell, dreht sich und dreht durch und ist weg – und jetzt eine volle cola-
kiste, coca-cola-rot und voll und ich allein und ich brauch' eine pause
und jetzt schluss.
               
       

umberto eco – der name der rose

                       
                                                        ...spärlich sind also, bei licht besehen, die
                                                        gründe, die mich zu bewegen vermochten.
               
                      

traumanzug

aber in meinem raumanzug,
den ich in meinem traum dann trug,
war leider nur genug platz für einen,
also außer mir selbst weiter keinen.

und ich schwebte über dein haus hinweg
und baute mir irgendwo ein haus im dreck.
ich hab' von den gedanken an dich allein gelebt
und mir aus sehnsuchtsseufzen eine decke gewebt.
       
                         

licht schwert

du musst noch sehr viel lernen,
junger padawan,
also mach mal halblang
in deinem padawahn.
         
                 

straßenköter

hast du das auch gehört?
suizid soll die lebenszeit verkürzen.
ich geh' mit meinen freunden raus.
wir sind drauf, um abzustürzen!

geschlagen, missbraucht,
gehasst und dann gespielt,
alles mögliche geraucht
und genommen und gedealt.

alles mögliche, alles unmögliche geklaut,
das ganze leben lang schon das leben versaut,
in all den jahren so viel, so viel wut aufgestaut,
und eintausend schlösser aus tränen auf sand aufgebaut.