24. april

ich hab’ große angst, dass du mich durchschaust,
aber größere, dass du’s nicht tust.


bewusstseinsströmende belanglosigkeit (6. juni 2012)

ich merk’ nicht, dass sich blau und grün vermischen, lass’ den himmel
seine farbe tragen und er mich meine. was für ein mann auf der bank?
achso, der. ist doch egal. ob dir kalt ist, frag’ ich mich, und ob du’s
zugeben würdest. dann ziehst du deine jacke an: ich bin überrascht
und weiß nicht wieso. du liegst auf dem boden, ich will nichts dazu sagen
und wir reden und schweigen über anderes, manchmal beides im selben
moment, und wir sind manchmal gleich, aber meistens anders. ich sitz’
über dem boden, wo ich mich meistens halte, und dort schmeck’ ich
kein drängen, rieche nicht, wie gedanken sich in qualm verflüchtigen,
spüre nicht, wie sich blätter in haaren verfangen. ich denke an deine
jacke, die vielleicht schmutzig wird, und an deinen kopf, unbequem
auf steinpflaster. wir weilen wieder vor der kirche; naja, weilen nicht,
atmen bloß und blenden aus und richten unser augenmerk auf
poetischere dinge.

ich sehe keine kunst in meinem eisbecher, aber vielleicht hast du recht.
ich störe mich nicht daran, dass du längst fertig bist mit dem essen und
ich nicht und hoffe nicht, es bringt dich nicht in verlegenheit. ich versuch’,
dich nicht anzuschauen, weil ich nicht mag zu sehen, wenn du mir beim
essen zusiehst, weil ich angst hab’, dass es blöd aussieht, und ich seh’
dich doch an, aber ich hab’ angst, dass du mich fragst, was ist, auch
wenn du’s nicht so meinst und es ist ja nichts. ich frag’ mich, wie du
mich mögen kannst, aber ich hab’ angst, an mir zu zweifeln, also lass’
ich es wieder und ich freu’ mich so sehr.

ich wundere mich nicht über die zigarettenstummel so unweit von dem
abfalleimer, 4,5 billionen im jahr auf der welt und ein paar eben auch
hier. ich frag’ mich kurz, ob das vielleicht nett gemeint ist mit dem
hinwerfen und ich weiß, dass kippensammeln nicht mehr in ist und find’
mich trotzdem sehr optimistisch. ich freu’ mich auch, dass ich jetzt nicht
auf regenvollgesogen-aufgequollenen zigarettenfiltern und matschigen
celluloseacetat liege, weil es schon lang nicht mehr geregnet hat, sondern
ich jedenfalls nur liege, wo auch immer, und jetzt nur neben dir liege und
dass du nicht mehr rauchst und dass ich gar nie rauchen muss.

du sagst, es wär’ unangenehm, das mit deinem atem, und ich versteh’
dich nicht und muss an popcorn denken, das mit karamellisiertem zucker
im kino, noch warm und wieso ist es manchmal eigentlich so schwer,
auf dich zuzukommen.

ich frag’ mich, was du denkst, obwohl du’s mir sagst und wohl gerade
deswegen. du sagst, du fragst dich, wie es ist, ein blatt zu sein, und ich
stell’ mir vor, wie es wäre, wenn ich ein blatt wäre und noch mehr,
wenn du eins wärst und wir sind uneinig über den wind oder nur wind
und das ist irgendwie schön für mich. was das wohl für blätter sind?
kastanien vielleicht. so eins möchte ich nicht sein.

zu viele worte, obwohl wenig, altgewohnte unbeholfenheit, dann zu dir;
hätt’ ich nicht gedacht, trotzdem fühl’ ich mich nicht überrannt und liefer’
mich aus und tu’s gern. manchmal find’ ich’s besser, nicht zu viel zu
denken; sei bitte nicht enttäuscht. und ich mag, wenn du’s auch nicht tust.

jo köhler, dichter

unsagbares sagbar zu machen und damit das wesentliche
zum schwingen zu bringen, ist das schöne am gedicht.
         
               
hier, wo wir seither stehen,
wollen wir uns nicht mehr sehen,
wollen immer weiter gehen,
hin, wo die winde leichter wehen.

ohne titel

"schön hier", wirst du sagen
"schön, du", stimm' ich dir zu,
deine finger zwischen meinen
zwischen häusern, schildern, lichtern;
hier könnte ihr gebäude stehen.
oder hier.
hier können sie glücklich sein.

und wir brauchen nicht viel,
nur abstand
vom stillstand
und welt.
wir werden einfach
auf dem asphalt liegen
im traum von chicago.
             
                   

aus trieftigen gründen

tieffliegen
tiefliegen
tieflage
tiefschlag
trieflage
trieflache
tiefe lache

enjoy the silence, depeche mode

du liegst gedankenschwer in meinem arm;
das gewicht lastet auf dir allein.
mir ist kalt und trotzdem warm.
ich wünschte, ich könnt' dich befrei'n.
           
beschimpfe mich, du fluchst doch nur zurecht.
kannst du mich nicht weinen sehen?
im leben muss man nichts so recht;
und ich muss jetzt dennoch gehen.
         
                     

wandel

nicht mehr unbefriedigt,
sondern unbefriedigung:
das leid scheint schließlich nichts als
auf aktivschmerz umgeschwungen.
           
                 

an die schlaflosigkeit

wenn der mond jetzt fällt,
gibt es nichts mehr, was uns hält.
unterm himmel hell und klar;
streicht deine hand noch durch mein haar.

o wie wohl ist mir am abend,
wenn ich ihn mit dir verbring';
mich an deinem antlitz labend
lass' ich mich still von dir besing'.





                      die stadt ist eingeschlafen und nun ruhen alle wälder,
                 in gehölzen hier und wiesen sind wir beide nur noch wach.
              über allen gipfeln ist ruh; nur wir schleichen um die felder.
       niemand stört sich je daran, denn liebesschwüre sind kein krach.

               
     

meine philosophin

du bist dir selbst noch aufgabe,
doch in dir ist etwas wirksam,
das bis in die lichtesten höhen alles treibt.
deine wirklichkeit ist ein geheimnis
und res extensa.
dein beseelter leib will schrei'n,
instinktlos-elendes geschöpf,
so verlassen aus den händen der natur gekommen,
schwach und unterliegend, dem zwist der elemente,
dem hunger, allen gefahren, den klauen
aller stärkeren tiere, einem tausendfachen tode
überlassen,
stehst du da! einsam und einzeln!

     
         
ich an deiner seite.

du warst auch vom ersten augenblicke an
das freitätige, vernünftige geschöpf,
das sich selbst helfen sollte
und nicht anders als gekonnt haben wird.
       
               

zerstörerische schöpfung

               
                                                         welches interesse hat ein leidendes wesen?
             
               

briefkastengeliege

woran ich denke, fragt sie mich.
wolken. oder: keine wolken. 
meine ausreden waren noch immer die schlechtesten.
wenn ich nur liegen könnte, immer liegen,
hier neben dir.
da wär' das wünschen nichts mehr wert.
               
             

an meine freundin

lass mich schwärmen,
von deinem lächeln, deinen augen,
die mein herz sehr wärmen
und mir den atem rauben.

lass mich dir die haarsträhnen
aus deinem gesicht streichen.
lass mich auch die tränen,
die du nicht weinst, beschleichen.

lass mich meine jacke um deine schultern legen,
dich fragen, was dir durch den kopf geht,
was dich kränkt, und komm, wir machen was dagegen,
bevor ich gehen muss, denn es ist spät.

lass mich noch sagen, 
dass du unbeschreiblich schön bist.
lass dich auch fragen,
wieso es so schwer für dich ist.

wir haben viele möglichkeiten.
wir können viel bewegen!
wir dürfen nur in diesen zeiten
nicht die hoffnung niederlegen.
             
                                 

an meine begabte freundin und die lebenskunst

das leben als kunst
ist nur noch normal.
künstler haben es schwer,
besonders
zu sein.

du bist besonders
(,)
künstlerin,
glaubst nicht, doch deine kunst tut's
und ich.
du bist müde, sagst du und hältst
                            die hände vor dein gesicht.
du siehst schön aus, finde ich.
bring mich nach avalon!
du kannst die erschöpfung
schönes schöpfen machen.

             
                         

für ein mädchen, das es nicht gibt und alle, die die wolken wirklich kennen

wir liegen im gras, lassen uns mit geöffneten augen von kirschblüten
                                                                                           beregnen
und träumen von uns und mehr, wolkenschiffen und
                                                                  kondenswasserverbünden.
ich will dir irgendwann unbedingt wieder einmal im tanzschweiß
                                                                                           begegnen,
dann komm noch auf einen kaffee mit rauf und vielleicht auch ein paar
                                                                                               sünden.
       
                   

noch in arbeit

ich krümme und stütze mich
erschöpft mit einer hand
so jammernd wie jämmerlich
auf den waschbeckenrand.

ich wanke, mir ist schwindelig.
das dunkel gleißt so grell.
meine welt dreht sich um dich
und heute ziemlich schnell.

ich lass' die lampen aus,
ich wandelndes skelett,
und steig' zum fenster aus
in mein gewitterwolkenbett.

mein herz schlägt nur noch donner,
meine tränen zerschlägt der regen.
ich bin der zu-spät-kommer
und mich kann auch nichts bewegen.

werd' ich mich jemals ändern?
was immer kommen mag,
ich werde weiter schlendern,
jeden morgen in den tag.


hyperaion

meine gedanken schleudern
margi- und margarinalisierend
     blindlings von einer
              stunde zur andern,
brüten aus und
ich krieg's nicht gebacken.
gehäufte esslöffel tränen darüber verschüttet.
irgendwo wird alles enden.
     doch uns ist gegeben,
              auf keiner stätte zu ruhn.

ich bin eremit im kriechen-land.
         
 

das beste

du bist noch mehr als du scheinst.
du bist ja niemals zu verletzen!
du bist auch dann schön, wenn du weinst.
du bist niemals zu ersetzen.

du bist.
und das ist das beste.
   
   

dream catcher

ich werd' von nichts verfolgt, seh' hinter mich und seh' nur mich. werd'
ich vom nichts verfolgt? ich laufe und bleib' stehen, weil nichts ist, das
mich jagt. ich wach' im eigenen angstschweiß auf, kalter schweiß der
heißen angst vor gar nichts, davor, dass gar nichts da ist und dass nichts
mich aufisst, das nichts mich aufisst, weil das nichts da ist, zum greifen
nah: zum mich-greifen nah; jetzt greift es mich, längst zu spät für mich,
von angst ergriffen die flucht zu ergreifen. ich dreh' mich im kreis und
meine füße haften fest am boden, der unter mir auseinanderbricht und
mir unter den füßen weggezogen wird, während mir der atem und ich
dem traum entzogen werde. traumfänger, gib mir meine träume wieder!
             
                       

rosenstolz, zumindest ähnlich

sie macht dich krank, sie macht dich dumm; die liebe lacht dich aus...
       
                   

wovon die wölfe träumen

           
                                wenn du nach hause kommst und keiner hat dir verziehen.
             
           

losschreibfakt

             
                        die leere in der überfülle werd' ich nur im schreiben los.
           
         

hm.

unglücklich, geliebt zu werden von verhasstem.
unglücklich, zu lieben, was dich hasst.
         
                 

passivschmerz

manchmal quält es mehr,
leiden zu sehen,
wen wir lieben,
als selbst
schmerzen zu erfahren,
wenn wir mit ansehen müssen
und nicht das geringste tun können.
       
                         

liebe(n)swertigkeit

perfektion nicht erkannt:
liebenswürdigkeit
in der sturen verspieltheit überreizt.
nicht mitanzusehen!
blindheit zerreißt.
ihre verblendetheit zwingt mich in die knie.
was kann ich tun?
lass mich das licht sein am ende deines tunnels
oder der lichtreflex im tunnelblick.
zum ersten mal sowas wie liebe.
kann es endlich reichen?
sei held für mich, held für dich.
lass gerettet sein.
schlecht ist eine lüge;
nichts ist schlecht an dir.
glaub' mir, wenn ich dir sage,
dass du dich eigentlich nicht sorgen musst.
       
 

skandal um rosen

einmal ausgesprochen,
einmal als schablone angewendet
treffen werte wie schwerter,
bewertungsmaß-stäbe.
back-stabbed vom spiegel der eigenen gesellschaft,
in der alle masken tragen –
nicht maßgeschneidert,
sondern einheitsgröße,
doch das einheitsgefühl bleibt aus.
pass auf, dass niemand die blutflecken sieht.

unschön, schönheit in "unschönheit" zu finden.
wie schön doch, schönheit im unschönen zu sehen.
von schönheit sprechen
ist nur von nichts sprechen
und über etwas so großes,
dass keine wissenschaft ihm einen rahmen geben kann.
welche anmaßung also,
schönheit zu messen!
das ist, als würde man 
den menschen verleugnen.
       
           

toxic

hey axon,
reizendes ding, spürst du nicht den impuls,
dich endlich von mir elektrisieren zu lassen?
ich hab' dich fast, bin längst über den hügel.
lass mich der reiz sein, nimm mich wahr.
                           wie wär’s mit uns beiden?
du der effektor, ich der effekt: rette mich
                         aus dem synaptischen spalt
                  zwischen eifer und verzweiflung;
lass es geschehen: traute verzweigsamkeit.

excitotoxizität? mach dir mal keine sorgen,
wir machen langsam, aber lass uns machen.
ich bin keiner dieser neurotransmitläufer;
jetzt steh' ich unter druck: ich will dich wirklich.
kontraktion, baby! ja, lass uns irgendwann
                                zusammenziehen,
du und ich unumkehrbar angezogen.
         
                                 

(her)ausnahmephänomen

wir verlieren unsere coolness
in der einzigen konstanten:
im constant craving
nach dem zentralen moment,
nach beruhigung in anregung, erregung, aufregung –
drauf sein, um runterzukommen.
wir schwitzen
im psychotropischen klima
und auch von dir geht so 'ne hitze aus.

die komplexität der komplexe
lässt uns nach unstimmigkeit lechzen
und einstimmen in einen hilfeschrei.
kontrollverlust, kompletter selbstverlust.
angstverlust, verlustangst außer kontrolle.

wir geifern, geilen uns am eifern auf, 
am versuchen, dem hochdemut, 
werbrennen, verlieren-frust,
auch am erfolg, am glück
und an den fratzen der neider.
was sollen wir tun? 
wagen wir das staging noch zu steigern?
unterschicht-underground,
never coming of age stag-nation.

eine einzige inszenierung
in der szenerie vorm leichenstauhaus.
wir stehen bis zum hals in pfützen;
eigentlich rutschen wir nur auf knien.

wie ist das, wenn sie dich wollen?
zerreißt es dich, wenn sie sich um dich reißen?
ich seh's doch: es reißt dich in stücke –
hammer, so hat jeder was von dir.
       
                    

titulierung

im versuch, von lexika verstanden zu werden
ist die affektlabilität schließlich umgekippt:
die beleidigung in der wahrscheinlichkeit
wird zur hoffnungslosigkeit in der gewaltigkeit,
und der einzige trost
liegt in der gewissheit der möglichkeit.
             
                       

zuvielisation

genussmittelverschwendung
zur grundbedürfnisbefriedigung:
nie mehr weniger als luxus.
schlecht ist mode,
vernunft außer trend.
wir trinken unser eigenes blut
als antrieb des geschlossenen systems
von hassgefühlen in unseren herzen.